Das Wetterstudium vor einem Bergtrip ist mittlerweile fast so aufwändig wie das Klettern an sich. Alle paar Stunden klickt man sich durch die zahlreichen Wetterberichte im Internet und hofft, dass sich die s**** Prognose doch noch ändert. Dass es mittlerweile so viele Wetterberichte im Internet gibt, führt aber nicht zwingend zu besseren Prognosen. Wenigstens kann man sich mit den freundlichsten Bericht ein wenig vertrösten.  Das führt dann manchmal zu folgendem Szenario. Bei der Hinfahrt scheint noch kräftig die Sonne und das Auto verwandelt sich in einen Backofen. Dass man mit Sicherheit auch noch im Stau steht, versteht sich wohl von selbst. Hat man dann nach einer gefühlter Ewigkeit den Lärm, Dreck und die Affenhitze hinter sich gelassen und etwas Fahrt aufgenommen, sieht man schon in der Ferne die ersten Gewitterwolken aufziehen. Na super, wird schon klappen. Also Seil ausgepackt, Kletterschuhe angezogen und die erste Seillänge raufgerannt. Die erste Tropfen fallen bereits vom Himmel. Ein Blick nach oben bestätigt die Vermutung, dass sich die schwärzeste und am bedrohlichsten ausschauende Wolke direkt über seinen Kopf befindet. Man startet also in die zweite Seillänge und natürlich beginnt es zu schütten, obwohl 100 Meter weiter noch die Sonne scheint. Also abseilen und warten. Der Regen wird dann eh gleich leichter und hört dann üblicherweise ganz auf. Man steigt wieder ein, jetzt wo man schon da ist. Es schaut auch wieder viel freundlicher aus, nicht nur in der Umgebung, sondern auch über einem. Das ändert sich dann ganz sicher, wenn man sich gerade in der Schlüsselseillänge befindet und sich denkt, jetzt alles nur bitte keinen Regen. Regen? Schön wärs, denn nun beginnt das Hagelgewitter, das eigentlich erst für nächste Woche erwartet wird. Zumindest irgendeine Wetterprognose behauptet das. Bei der Heimfahrt scheint dann wieder die Sonne, sodaß man wieder ordentlich schwitzt. So ist das also, wenn sich die Wettergurus nicht einig sind.

Dass sich diese Gurus aber auch manchmal einig sein können, zeigen die verschiedenen Wetterprognosen am Tag vor meinem ersten Westalpen-Trip. Ich finde keinen einzigen, der nicht von Regen und Schneefall berichtet. Sogar diese, die vom Tourismusverband gesponsert werden zeigen noch nie dagewesene Regenwolken. Schweiz können wir also vergessen. Chamonix auch. Doch dann fällt mir ein, dass Christian einige Male von einem Bergsteiger Mekka erzählt hat, wo angeblich unglaubliche 300 Tage im Jahr die Sonne scheint. Also den Wetterbericht für Ailefroide nachgeschaut und festgestellt, unglaublich aber wahr, es scheint die Sonne und das auch noch die nächsten paar Tage. Ailefroide liegt in Frankreich in den sogenannten Dauphine Alpen und ist knappe 1120km entfernt. Das war die etwas weniger freudige Nachricht. Dagegen beeindruckte uns der Barre de Ecrin auf den ersten Blick. Seine Nordflanke ist komplett mit einem steilen und stark zerspaltenen  Gletscher überzogen, welcher noch dazu mit einer Reihe von Serac Abbrüchen durchsetzt ist. Kaum zu glauben, dass dadurch ein objektiv relativ sicherer Weg führen soll. Anschließend wartet noch ein spektakulär ausgesetzter Grat. Am Gipfel ist man auf 4101m und gleichzeitig am südlichsten 4000er der Alpen. Bei guter Fernsicht ist der Ausblick sicher genial.   

Aber bevor es losgeht, heißt es Autofahren und das nicht zu kurz. Das schlimmste an so langen Autofahrten ist vor allem das ruhige sitzen. Am Anfang geht das eigentlich noch ganz gut, man ist top motiviert. Nach ein paar Stunden beginnt man dann unruhig seine Arschbacken von links nach rechts zu schieben und umkehrt, bis man zu den Stellungen angelangt, die man vielleicht auch ins Kamasutra stellen könnte.  Auf jeden Fall hatten wir nach 16h Autofahrt so ziemlich jede Stellung durch und waren fix und fertig als wir in Ailefroide ankamen. Zu diesem Ort führte uns eine schmale Bergstraße in ein immer enger werdendes Tal, bis plötzlich links und rechts völlig willkürlich Zelte und Autos auftauchten. Wie wir später erfuhren, war dies ein Campingplatz und auch fast das einzige, aus dem dieser Ort bestand.  Wir suchten uns kurzerhand einen Parkplatz entlang der Straße. Wir waren müde und nicht sehr wählerisch bei der Suche und so hatten wir gleich die Möglichkeit, uns an abschüssige Betten zu gewöhnen.  Zum Glück war die Nacht nicht lang und leider war sie sehr kurz. Nach dem Frühstück machten wir uns leicht gerädert Richtung Zentrum Ailefroide auf. Es gab hier noch 2 Mini-Supermärkte, ein Bergführerbüro und 2-3 Kletterläden und jede Menge Leute, die mit Kletterseilen oder Bouldermatten durch die Gegend rannten. Kletterer wohin das Auge reicht, eigentlich ein nicht unangenehmes Bild, aber nach der kurzen Nacht wären mir weniger Leute auch nicht unrecht gewesen. Wieso rennen die da eigentlich alle herum und klettern nicht? Die Antwort auf die Frage lag zum Greifen nahe: weil die ganzen Kletterwände schon besetzt sind. Nagut, ganz so wild war es dann auf den zweiten Blick auch nicht, denn es gibt hier wirklich viele Linien und wer ein wenig sucht, findet schon ein freies Plätzchen. So auch wir. Sebo stieg die erste Länge vor. Die Sonne brannte erbarmungslos hinunter. Immer wieder schaute ich nach oben und dachte mir, was zum Teufel macht der da oben? Schlußendlich hör ich ihn von oben fluchen, Scheiß Platte!. Ich grinste vor mich her, 99% aller Routen sind hier Platten. Endlich fasste er sich ein Herz und zog über die Platte. Ich merkte mittlerweile schon langsam wie mein Gaumen immer trockener wird. Zu blöd, ich kam nicht vom Fleck und die Trinkflasche war außer Reichweite. Sebo steckte mittlerweile in der zweiten schweren Plattenstelle und ich begann langsam zu dehydrieren. Ein paar Mal hörte ich ihn noch fluchen, „scheiß Platten - ich hasse Platten - verdammte Platten usw.“, bevor er aufgibt und ich ihn ablasse. Ich sollte das klettern, ich liebe ja Platten. Na klar - das stimmt ja eigentlich gar nicht, aber irgendwie fällt mir diese Art von Kletterei nicht so schwer und so muss ich das Projekt zu Ende bringen. Danach fanden wir doch noch einen Riss, der der zwar eingebohrt ist, aber auch so ausschaut, als könnte man ihn auch gut selbst absichern. Diesmal durfte ich vorsteigen und so behänge mich mit Friends und Keilen, bis schepperte das man mich auf der anderen Seite des Tales auch noch hörte. Irgendwie fühlte ich mich zwischen den ganzen Sportkletterern etwas fehl am Platz.  Der Riss war dann eigentlich ziemlich leicht, kurz und das viele Zeug an meinem Gurt noch dazu komplett unnötig. Sebo probierte dann gleich eine Variation davon und kletterte über hohl klingende Schuppen vorsichtig nach oben.  Die Variation hatte einen etwas fahlen Nachgeschmack und schlussendlich verwendete er doch noch einen Bohrhaken, bevor der Weiterweg wieder von einer Platte verstellt wird. Diesmal fluchte er weniger und ich durfte es gleich wieder ran. Ich kletterte ein Stück hinauf, spähte über die Kante und erblicke eine Platte, aber keinen Haken. Wie eine Giraffe streckte ich meinen Kopf Stück für Stück höher und sah dann in 5-6 Metern einen Haken und noch einen ca. genauso weit entfernt. Alles klar, dürfte lustig werden. Ich zwickte die Arschbacken zusammen und probierte es. Als ich mich genau zwischen den Haken befand, begann es zum regnen. Kein Scherz. Nicht lang und stark, sondern genauso viel, dass die kleinen Leisten schlatzig und rutschig wurden. Scheiß Situation und vom Regen war im Wetterbericht auch keine Rede. Super. Ich möchte jetzt einfach nur weiter, denn auf abklettern hatte ich gar keine Lust. Ich chalkte meine Hände ein und griff auf die nächste Leiste. Das Chalk brachte genau nichts, die Finger waren sofort durchnässt. Vorsichtig stieg ich auf eine Delle in dieser Platte und war erstaunt, dass trotz Nässe, doch noch ein Funken Reibung vorhanden war. Der Rest der Route, war recht ähnlich. Höher greifen und steigen, einatmen, fluchen, ausatmen und weiter steigen. Soll noch einmal wer behaupten ich liebe Platten. Wieso hier Risse im 2 Meter Abstand eingebohrt wurden und Platten, wo man absolut nichts legen kann, in 5-7 Meter Abständen, erschloss sich mir auch nicht ganz. Zum Glück waren wir hier auch nicht zum Klettern, sondern zum Bergsteigen und wenn ich mir die Berge um uns anschaute, sollte das auch ganz toll werden.

Am selben Abend trafen wir dann noch 2 Engländer. Die waren zuerst in Chamonix, aber das Wetter war grauenhaft. Darum sind sie jetzt hier und wollten nur ein Eiscouloir klettern, denn am Ecrin de Barre waren sie schon vorheriges Jahr. Also gingen sie am Vortag 5h bis zum Biwak-Platz unter der Eiswand und mussten am nächsten Morgen feststellen, dass es statt Eis nur butterweichen Schnee gab . Bei solchen Verhältnissen wollten sie es dann doch nicht probieren und stiegen wieder ab. Sie nahmen es aber recht locker, denn sie meinten es war es gutes Konditionstraining. Also wie alles was in den Bergen, was nicht so recht klappt. Außerdem wollen sie gleich Morgen wieder nach Chamonix, weil sie gehört haben, dass es dorten jetzt nicht mehr Regnen sollte. Bergsteigen ist also wie eine verflixte Lotterie. Man kann durch ganz Europa reisen und am Ende hat man keinen einzigen Berg bestiegen. Oder man macht den Jackpot und hat ein super Erlebnis auf seinem Hausberg.

Jetzt aber zu unserem Plan. 2 Nächte wollen wir am Gletscher schlafen und am ersten Tag den Roche Faurio 3730m besteigen. Als einfache Eingehtour, sodass wir am nächsten Tag noch fit sind für den Barre de Ecrin. Die Rucksäcke sind zum Bersten voll und das meiste passte gar nicht mehr rein. Beim meinem Kletterpartner hatte es den Anschein, dass draußen mehr hing, als reinpasste. Er lachte aber nur und meinte sein Rucksack schaut immer so aus. Ich greife dann aber doch noch zu meinem größten Rucksack und entschließ mich für den Gipfel, einen zweiten kleineren mitzunehmen. Kurz bevor wir losgingen versteckten wir noch unseren Basilikum und hofften das er nicht vertrocknet bevor wir zurückkommen. Frischer Basilikum ist ein Segen fürs Campingessen. Abmarsch war um 11:30. 10 Minuten später bereuten wir schon, nicht früher weggegangen zu sein. Die Sonne brannte mit voller Wucht hinunter und keine Wolke spendete diesmal Schatten. Der Aufstieg war harte Arbeit und es sollte bis ca. 8 Uhr dauern, bis wir unser Zelt am Gletscher aufgeschlagen hatten. Außer uns fanden wir nur zwei weitere Zelte und spielten schon mit dem Gedanken den Berg fast für uns alleine zu haben. Der Gedanke allein auf diesen hohen Berg zu steigen, flößte uns ein wenig Angst ein. Auf den ersten Blick schaut der Weg durch die Gletscherabbrüche auch sehr steil aus. Überhaupt schauen die Gletscherabbrüche, aus denen sich jederzeit ein Tonnen schwerer Eisblock lösen kann, furchteinflößend aus. Ich bin froh, dass wir morgen mal auf einen leichteren Berg gehen. Das erste Mal auf höheren Bergen kann einem schon mal den Atem rauben.  

Rucksack packen
Ecrin de Barre
Barre de Ecrin
Ecrin de Barre
Base Camp

In der Nacht bin ich dann immer ans untere Ende des Zeltes gerutscht. Das war weniger lustig, weil der Boden extrem wellig war, sodaß mir immer ein Schneebuckel ins Kreuz gedrückt hat. Kurz, ich hatte schon bessere Nächte im Zelt. Ab halb 4 morgens war dann an Schlaf sowieso nicht mehr zu denken. Eine riesige Karawane marschierte den Gletscher herauf und das metallische Klimpern und Scheppern der Karabiner erhellte die Nacht. Eineinhalb Stunden zog dann eine Seilschaft an der Nächste gereiht an uns vorbei. Solche Massen hatten wir beide noch nicht erlebt. Die einzigen zwei Hütten in der Umgebung waren sicher zum Platzen voll. Wir waren ein wenig enttäuscht. Wir wollten unseren Berg nicht mit hundert anderen Bergsteigern teilen. Wir wollten unser kleines persönliches Abenteuer und das hat man wohl schlecht, wenn man eingereiht im Gänsemarsch einer Menschenschlange nachtänzelt. Sebo hatte ebenfalls wie ich eine schlechte Nacht hinter sich. Er jammerte und wollte nicht aus dem Schlafsack. Ich kochte in der Zwischenzeit Kaffee. Das belebt uns hoffentlich. Sebo lag noch immer im Schlafsack und wollte am liebsten den ganzen Tag schlafen, sonst sei er morgen nicht fit. Den ganzen Tag im Camp, das ging nicht, dachte ich mir. Da spring ich von einem Fleck zum nächsten und werd verrückt. Ich hielt ihm einen Becher Kaffee hin und lockte ihn aus dem Bett. Nach einer gefühlten Ewigkeit gelang mir das auch. Der riesen Menschenwurm bahnte sich gerade seinen Weg durch die Seraczone, als wir auf den mittlerweile leergefegten Gletscher Richtung Roche Faurio starteten. Zuerst ging es ein paar Minuten in der tief eingetretenen Spur zum Barre de Ecrin und dann rechts die 35° steile Firnflanke hinauf, bis man auf einen schönen, aber leider sehr kurzen Felsgrat stößt. Diesen kletterten wir simultan zum Gipfel, den wir komplett alleine und in Ruhe genießen durften. In der Ferne sah man den Mt. Blanc und auch das Matterhorn glaubten wir zu sehen. Schön, wir saßen ein wenig herum und genossen den Moment.
Wieder im Basecamp kochten wir uns Pasta. Sebo packte dann auch noch sein Veggie Schnitzel aus, welches so schmackhaft ausschaute, dass ich es erst gar nicht kosten wollte. War dann aber unter den hungrigen Umständen doch nicht so übel.  Den Rest des Tages versuchten wir uns vor der Sonne zu versteckten.

Ecrin de Barre
hinten - Barre de Ecrin
Ecrin de Barre
Roche Faurio Gipfelgrat
Ecrin de Barre
wieder im Basecamp

Der darauffolgende Tag ähnelte dem letzten. Sebo hatte wieder eine komplizierte Nacht und war schwer demotiviert. Es war bitter kalt und ich freute mich schon auf unseren Kaffee. Wenigstens hatten wir am Vortag schon unsere Wasserbehälter aufgefüllt und so mussten wir nicht den Schotterhang hinauf, wo die Felsen über Nacht vom Spritzwasser des Baches mit Eis überzogen wurden. Einen steilen Schotterhang abrutschen, bevor man noch den ersten Kaffee getrunken hat, zählt für mich definitiv zu einer der weniger lohnenden Methoden munter zu werden. 
Nach dem Frühstück seilten wir uns an und gaben Handzeichen, das wir in die Karawane einbiegen möchten. Im Gänsemarsch ging es Richtung Barre de Ecrin, an dessen Wandfuß wir nach ca. 20min gelangten. Der Berg hatte mittlerweile einiges an seiner Wildheit durch die Massen eingebußt, aber dennoch waren wir aufgeregt. Ein schöner Sonnenaufgang ist das Beste was einem nach dem Aufstehen passieren kann, vorallem wenn man so friert wie heute. Wir hatten wirklich einen sehr schönen Sonnenaufgang. Die Seracs glitzerten rötlich im ersten Morgenlicht über unseren Köpfen und alles schien friedlich. Bis auf mein Herz, das schlug wild, obwohl wir uns im Schneckentempo dem Berg hinauf wälzten. Aber zu unserer Verteidigung, die anderen waren genauso langsam. Lag wohl an der Höhe.

So richtig warm wurde es dann aber trotzdem nicht. Der Wind pfiff uns um die Ohren und ein verzweifelter Paragleiter versuchte sich startklar zu machen. Der Abstieg mit dem Schirm wird ihm sicher nicht leicht fallen. Wir mussten uns entscheiden, weiter zum Barre de Ecrin oder doch nur wie die meisten zum Dome de Neige. Die Vorstellung auf dem Grat dem Wind stundenlang ausgesetzt zu sein, vertrieb schön langsam unsere Motivation. Anderseits, umdrehen so knapp vor dem Gipfel, bei diesem strahlenden Sonnenschein fiel uns auch nicht leicht. Der erste Grataufschwung schaute plötzlich verdammt schwierig aus und irgendwie fühlte ich mich müde. In mir sträubte sich etwas gegen das weiter klettern. Vielleicht hab ich mir auch das Bergsteigen einfach zu leicht vorgestellt. Je länger wir am Fleck standen, desto kälter wird uns. Die Entscheidung war gefallen, Spaß steht doch an erster Stelle. Der Weiterweg zum Dome de Neige, eigentlich nur ein unscheinbarer runder Eishügel auf der Schulter des Barre de Ecrin der es irgendwie in die offizielle Liste der 4000er der Alpen geschafft hat, war dann nur noch ein Spaziergang.

Am Gipfel war es windig und kalt. Die Aussicht war genial, trotzdem hielt es uns nicht zu lange an diesem Ort. Beim Abstieg brauchten wir noch einmal volle Konzentration, um den Gletscher nicht in Rekordzeit abzusteigen. Stolpernder Weise.

Wieder beim Basecamp angelangt, freuten wir uns schon auf einen Kaffee, bevor wir ins Tal absteigen mussten. Wir hatten noch Kaffeepulver für 2 Tassen, deswegen war es sehr bitter bzw.  salzig, dass ich statt Zucker Salz hinein kippte.

Duschen hatten wir seit Beginn der Reise keine gesehen. Deswegen war das Bad im Schmelzwasser schon dringendst notwendig. Wir brüllten um gegen die Kälte anzukämpfen und spritzen uns nur ganz kurz mit Wasser an. Dieses Ritual wiederholten wir solange, bis wir auch überall nass waren. Es war vielleicht nicht das komfortabelste Bad, aber es war erfrischend und wirklich notwendig.

Ecrin de Barre
Sonnenaufgang
Ecrin de Barre
Aufstieg zum Barre de Ecrin
Ecrin de Barre
Gipfelfoto - Dome de Neige

Am nächsten Tag wurden wir vom Nationalparkwächter freundlich vertrieben. Die Reise ging weiter und zwar Richtung Schweiz in die Walliser Alpen. Hier liegen die meisten 4000er mit der größten Vergletscherung aller Alpengruppen. Dementsprechend beliebt ist dieses Gebiet auch unter Hochtourengehern und meistens auch stark besucht und die Hütten überfüllt. Letzteres war uns herzlich egal, weil wir keine Lust auf teure und überfüllte Matratzenlager hatten und lieber unser Zelt mitschleppten. Aber auf Massentourismus am Berg hatten wir nach dem Barre de Ecrin absolut keine Lust mehr und deswegen suchten wir nach einer Alternative und wurden sogar fündig. Das Schöne an den Walliser Alpen ist nämlich, dass es hier nicht nur gewaltige 4000er gibt, sondern auch Berge, die knapp an der 4000er Marke kratzen, genauso schön sind, aber komplett im Stich gelassen werden. So ein Schattendasein führt zum Beispiel der Grand Cornier mit seinen 3961 Metern. Der Hochtourenführer schreibt über diesen Berg, würde dieser Berg in den Ostalpen stehen, würde er einen Großglockner oder Ortler glatt den Rang ablaufen. Hier hat man oft sogar noch die Möglichkeit, im Gegensatz zu den sonst so überlaufenen Walliser Alpen, in unberührten Schnee seine Fußstapfen zu setzen. Keine ausgetretenen Wanderpfade, kein Anstellen vor Schlüsselstellen und selber den besten Weg finden. Den Berg und das Abenteuer mit niemanden anderen Teilen zu müssen, auf das alles freuten wir uns schon. Gut akklimatisiert planten wir diesmal keine Eingehtour, sondern wollten gleich am übernächsten Tag auf den Gipfel und wieder ins Tal. Wir gingen vom Parkplatz spät weg und aßen vorher noch deftige Kasspätzle. Beides erwies sich wiedermal als Fehler. Erstens waren wir zu langsam. Wir hatten uns nur am Gipfelgrat entlang spazieren sehen und vergessen, wie anstrengend der Aufstieg mit dem schweren Rucksack sei. Zweitens, die Kasspätzle begannen im Magen Purzelbäume zu schlagen. Noch dazu mussten wir über einen sehr verspalteten Gletscher, wessen Schneebrücken schon gefährlich aufgeweicht waren. Sebo tastete sich vorsichtig mit seinen Stöcken voran und führte uns so im ZickZack durch das Spaltengewirr. Das Ganze war nicht ganz ungefährlich und extrem nervenaufreibend. Immer wieder erblickten wir dunkle Löcher im Schnee, wo Schneebrücken schon durch ihr Eigengewicht eingebrochen waren. Immer wenn er mit den Stöcken durch eine Schneebrücke durchstach und keinen festen Untergrund spürte, mussten wir eine andere Richtung einschlagen. Die Sonne war schon untergegangen, als wir zu unserem geplanten Biwakplatz kamen. Mit unseren Pickeln gruben wir uns eine ebene Stelle und schlugen das Zelt auf einer Höhe von ca 3300 Metern auf.

Ecrin de Barre
Aufstieg zum Biwak
Ecrin de Barre
viele Spalten
Ecrin de Barre
Camp - fix und fertig

Die Nacht war erstaunlich angenehm. Sebo hatte seine erste gute Nacht am Berg und war voller Tatendrang. Wir marschierten um halb 6 los und hatten nach kürzester Zeit bereits 2 Seilschaften überholt. Auf uns wartete ein strahlend sonniger Tag und wir waren guter Laune, denn alles lief perfekt. Sebo rannte das Firndreieck zum Gipfelgrat hinauf, welches zu Beginn super Trittfirn hatte. Weiter oben wurde er langsamer und die Bewegungen immer holziger. Der Trittfirn wechselte in Blankeis und die Steilheit nahm immer mehr zu. Mit aller Kraft rammte Sebo den Pickel und die Steigeisen in das spröde Eis. Bald verließen in Kraft und Mut und wir traten den Rückweg an. Das wir auch eine Eisschraube hätten setzen können, fiel uns in dem Moment natürlich nicht ein. Wir waren eben noch Hochtouren Anfänger. Also kletterten wir vorsichtig ab und verloren einiges an Zeit. Die 2 Seilschaften die wir überholt hatten, waren bereits wieder vor uns. Sie umgingen die Eisflanke rechts am Grat und wir machten es ihnen nach. Der Grat war teilweise scharf wie eine Messerschneide und dann gab es wieder Zacken und Türme die überklettert werden musste. Kurz, es wurde einem nie langweilig und manche Grataufschwünge erwiesen sich doch knackiger als angenommen. Einmal musste sogar ein kleiner Überhang überklettert werden, wobei sich tolle Tiefblicke in die Nordwand ergaben. Oder ein anderes Mal versperrte ein Turm den Weiterweg zum Gipfel und konnte nur über einen überhängenden Riss überwunden werden. Dieser zeigte sich dann aber weit gutmütiger als angenommen. Eine A0 Stelle gab es auch noch. Ein paar verblichene Bandschlingen die an einem rostigen alten Haken festgebunden waren. Trotz aller Befürchtungen, brach er nicht aus. Zur Krönung waren wir dann ganz alleine am Gipfel und hatten wirklich eine sensationelle Rundsicht. Matterhorn, Dent Blanche, Weisshorn, Obergabelhorn und so weiter. Alles in greifbarer Nähe. Beim Abstieg verwendeten wir meistens die eingerichteten Abseilstellen und seilten uns ab und kamen so flott voran. Wieder bei unserem Basecamp angelangt, wollten wir uns kurz ausruhen, vergaßen aber einen Wecker zu stellen. Als wir beide aufwachten, hatten wir fast 4h geschlafen und die Sonne war bereits am untergehen. Verdammt, in der Dunkelheit über den verspalteten Gletscher absteigen wollten wir auch nicht. Also entschieden wir uns noch für eine Nacht am Berg. Blöderweise hatten wir nur noch 2 Müsliriegeln und für jeden einen Bissen Brot mit Aufstrich, welches nach so einem Tag ein eher bescheidenes Nachtmahl darstellte. Wir bekamen dann auch noch eine SMS von meinem Vater, in der folgendes stand: Es wird Sturm, Gewitter und Hagel über Nacht erwartet. Somit hatten wir nicht nur Hunger, sondern auch noch Angst. Alle paar Augenblicke warfen wir einen prüfenden Blick aus unserem Zelt, um den Himmel nach Schlechtwetteranzeichen abzusuchen. Es schien eine lange Nacht zu werden, die wir mit den wildesten Horror Szenarien ausfüllten. Keine Gute-Nachtgeschichten. Gegen Mitternacht bekamen wir dann noch eine SMS. Das Unwetter bleibt in unserer Gegend höchstwahrscheinlich aus und wird erst für den morgigen Tag erwartet. Erleichtert verkrochen wir uns in die Schlafsäcke und es dauerte nicht einmal eine Minute bis wir einschliefen.

Ecrin de Barre
Querung zum Grat
Ecrin de Barre
Grand Cornier - NW Grat
Ecrin de Barre
Gipfelpanorama

Nach diesen zwei Touren waren wir ziemlich ausgebrannt und die Motivation nochmal einen schweren Rucksack auf den Berg zu schleppen, war an seinem Tiefpunkt angelangt. Trotzdem fuhren wir noch ins Saas Valley und wollten mit Seilbahnbenützung den Südgrat des Lagginhorn besteigen. Es regnete dann einen Tag, den wir hauptsächlich im Auto lesend verbrachten. Aber so richtig Energie schöpften wir nicht mehr, an diesen Ruhetagen. Das darauffolgende Schönwetterfenster wollten wir dennoch nutzen, hatten aber nicht mehr die Kraft für den Südgrat aufs Lagginhorn und somit entschieden wir uns für die 4023 Meter hohe Weissmies. Um 6:30 fuhren wir mit der ersten Gondel Richtung Bergstation Hohen Saas. Es waren wie angenommen viele Gruppen unterwegs, meistens mit Bergführern. Der Normalweg auf die Weissmies war sogar schöner als gedacht. Die Ausblicke waren wie immer in den Westalpen grandios und somit war dieser Berg noch ein schöner Ausklang dieser tollen Bergreise.

Ecrin de Barre
Aufstieg Weissmies
Ecrin de Barre
Gipfelgrat
Ecrin de Barre
Abstieg

Zu den Fotoalben:

Fotos aus der Daupine ( Dome de Neige des Ecrin, Roche Faurio)

Fotos vom Grand Cornier und Le Pigne de la le

Fotos von der Weissmies